Gedanken zur Zeit

von Anfang an alles andere als perfekt (15.12.2018)

von Anfang an alles andere als perfekt
„Für ein perfektes Weihnachtsfest…“

Kommt Ihnen der Ausdruck bekannt vor?
Er begegnet uns seit Wochen immer dann, wenn wir im Radio oder Fernsehen (rein zufällig natürlich
J) auf Weihnachtswerbung stoßen – verbunden mit der unterschwelligen Botschaft, dass der Kauf bestimmter Produkte nötig ist, damit Weihnachten „perfekt“ wird.
Ganz ehrlich: Ich habe noch kein wirklich perfektes Weihnachtsfest erlebt – schon gar nicht wegen oder mit besonders angepriesenen Waren. Irgendetwas ging immer schief. Trotzdem habe ich viele schöne Erinnerungen an Weihnachten. Und mir wird unbehaglich, wenn von perfekten Lösungen, Tagen, Feiern etc. die Rede ist, verbunden mit hohen, manchmal überzogenen Erwartungen, denen kaum jemand gerecht werden kann.

Auch die Umstände rund um das erste Weihnachtsfest und die Geburt Jesu Christi waren alles andere als perfekt:
- Maria war bereits vor ihrer Heirat schwanger.
- Kurz vor der Niederkunft musste sie sich auf Befehl des Kaisers mit ihrem Verlobten Josef auf die beschwerliche Reise nach Betlehem machen.
- Das Kind kam nicht im vertrauten Zuhause zur Welt, sondern weit weg in einem Stall, weil es keine Herberge für die kleine Familie gab.
- Die ersten Besucher an der Krippe waren keine hochgestellten Persönlichkeiten, sondern bettelarme Hirten, die in der damaligen Gesellschaft Außenseiter waren.

Vielleicht ist ja genau das die Botschaft des Weihnachtsfestes: Gott nimmt sich dieser ganz und gar nicht perfekten Welt an. Er wird Mensch und kommt mitten hinein in unsere widersprüchliche, bedürftige Wirklichkeit – nicht mit dem Versprechen, dass von nun an alles perfekt wird, sondern mit der Verheißung auf Erlösung und Rettung. Das ist etwas völlig anderes.
Mir macht diese Botschaft immer wieder neu Mut und Hoffnung, dass am Ende alles gut wird, auch das, was schwierig oder sogar furchtbar ist.
Sie lässt Raum für viele kleine Freuden, für überraschende, beglückende Begegnungen und Erlebnisse, die ich mit diesem anderen Blick ganz anders genießen kann.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen im Namen des Seelsorgeteams Gottes Nähe und seinen Segen für ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Start in das neue Jahr 2019.

Susanne Wiehen


Nicht Ende, sondern Begegnung (01.12.18)

Nicht Ende, sondern Begegnung

Herr Pastor, haben Sie schon gesehen, das Evangelische Krankenhaus leuchtet ganz violett. Das sieht richtig toll aus.

Nein, sage ich, ich wusste gar nicht, dass es schon bekannt ist, dass ich zum Weihbischof in Süddeutschland gewählt werden soll. Aber ich freue mich sehr über diese positive Unterstützung!

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie können sich bestimmt die großen Augen und den erstaunten Blick meines Gegenübers vorstellen. Eigentlich wollte ich noch sagen: aber bitte behalten Sie es für sich; das hätte ich dann allerdings nicht mehr einfangen können. Stattdessen habe ich den Weltfrühchentag erklärt, denn die violette Farbe ist Kennzeichen der Organisation, die sich für Frühchen (Kinder, die weit vor dem errechneten Geburtstermin geboren werden) und deren Familien einsetzt. Noch länger haben wir beiden zusammen gestanden und miteinander gesprochen. Es stellte sich heraus, dass in seiner Familie gerade große Sorgen um ein Neugeborenes präsent sind.

Dies ist der Hintergrund auf dem diese Zeilen im aktuellen Pfarrbrief entstanden sind. Sie lesen sie gerade in der Kirchenbank, zu Hause oder an einem anderen Ort in Reichweite des ersten Adventes.

Mit dem damit verbundenen Beginn des neuen Kirchenjahres hat sich die Farbe der Paramente in der Liturgie verändert. Das Grün des Jahreskreises weicht dem Violett, dem Lila der Adventszeit. Genau wie die Fastenzeit ist der Advent eine Zeit der Vorbereitung, des Innehaltens, des Wartens, der Achtsamkeit für das Besondere. In der Kirche ein Hochfest mit all seiner gewachsenen Liturgie, aber auch mit den festlichen Traditionen und Bräuchen in Familie und Freundeskreisen.

Die Farbe Violett ist in der Kirche zunächst visualisierte Wirklichkeit von Buße, des Verzichtes, des sich neu Ausrichtens, geistlicher Erneuerung, damit Gott Raum findet in uns und unserem Handeln. Bei der Buße /Beichte und der Krankensalbung trägt der Priester eine violette Stola.

Aber was ist eigentlich Lila, Violett:

Wer sich in die Farbenlehre begibt findet dort einen durchaus der christlichen Welt vertrauten Ansatz. Lila steht für Spiritualität. Das Rot, welches für Erde und irdisches Sein steht, verbindet, vermischt sich mit dem Blau des Himmels, dem überirdischen Sein. Wenn Gott sich in unsere menschliche Gestalt begibt, wie wir es an Weihnachten feiern, berührt schon in gewisser Weise der Himmel die Erde.

 

Die Farbe Lila ist vielfältig in ihren verschiedenen Farbnuancen: pink, magenta, violett, ultraviolett, der farbinteressierte Mensch findet eine breite Palette. Wenn das Purpur ergänzt wird, kommt damit die wertvollste aller Farben hinzu.

Diese war nur den höchsten Würdenträgern vorbehalten, den Senatoren und dem Kaiser im antiken Rom, den Wesiren und Kalifen, Kardinälen und Bischöfen.

Violett ist die Farbe der Evangelischen Kirche.

Weniger nett ist die Beschreibung als letzter Versuch, einen Partner zu finden.

Für manche Menschen sind sogar Kühe lila.

Für die intellektuelle Rotweinrunde und Freunde des Deutsch Leistungskurses bleibt noch Pilgers Morgenlied von Goethe, welches an Lila adressiert ist.

Zu ergänzen ist noch Lila als weiblicher Vorname, sei es eigenständig oder als Kurzform von Elisabeth.

Deren Namensfest feiert die katholische Kirche am 19. November, in diesem Jahr am Montag nach dem farbintensiven Wochenende am Evangelischen Krankenhaus.

Somit bin ich wieder im hier und jetzt an meinem Schreibtisch gelandet. Ich werde kein Weihbischof und natürlich stehe ich auf keiner Wahlliste in Süddeutschland. Aber es hat Freude gemacht ein wenig über die Farbe Lila nachzudenken.

Ich wünsche Ihnen im Namen des gesamten Pastoralteams einen guten Start in die violette Zeit

Pastor Thomas Thiesbrummel

 

 


Im November

Liebe Leserinnen und Leser unseres Pfarrbriefs!

Im November gehen die meisten Leute auf den Friedhof, selbst diejenigen, die man sonst das ganze Jahr über dort nicht sieht. Auch wenn Sie kein Grab zu pflegen haben oder keinen der Verstorbenen kennen:

Gehen Sie trotzdem hin! Es lohnt sich.

In keinem Monat sind die Gräber so reich geschmückt wie im November. Wer genau hinschaut, der spürt: Der Grabschmuck dient nicht allein der Dekoration. Er ist ein Zeichen der Verbundenheit mit den Toten. Dahinter stehen oft wortlose Wünsche, die Trauernde ihren lieben Verstorbenen mitgeben. Und nicht zuletzt kann die Grabgestaltung sogar ein stilles Glaubensbekenntnis sein.

Der Blick auf einen jüdischen Friedhof zeigt: Man kann Gräber auch ganz anders gestalten. Dort legen die Besucher als Zeichen der Totenehrung meistens kleine Steine auf den Grabstein. Für diese alte Tradition werden verschiedene Ursprünge vermutet. Verbreitet ist die Erklärung, dass in historischer Zeit die in der Wüste angelegten Gräber mit Steinen vor Wind und Futter suchenden Tieren gesichert wurden. Der niedergelegte Stein zeigt, dass man sich dem Verstorbenen über den Tod hinaus verbunden fühlt und ihm auch jetzt noch etwas Gutes tun möchte. Ein schöner und tiefer Gedanke!

Die meisten Friedhöfe in unseren Breiten sind christlich geprägt und bieten ein ganz anderes Bild. Es ist üblich, die Gräber mit Öl- oder Solarlichtern, Blumen, Pflanzen und Engelfiguren zu schmücken. Ist das alles nur Konvention – oder hat diese Art von Grabschmuck noch eine tiefere Bedeutung?

Auf fast jedem Grab brennt ein Licht.

An Allerheiligen und Allerseelen verwandeln sie unsere Friedhöfe sogar in ein ganzes Lichtermeer. Das Licht brennt weiter, auch wenn der Besucher schon längst wieder nach Hause gegangen ist. Quasi als Stellvertreter:

„Ich bleibe bei dir. Ich denke an dich!“

Wir Christen verbinden mit dem Licht noch eine weitere Symbolik. Oft beten wir bei Beerdigungen: „Das ewige Licht leuchte Ihnen.“ Mit diesem Licht ist letztlich Gott selbst gemeint: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ – heißt es zu Beginn des Psalms 27 (Gotteslob Nr. 38). Auch Jesus sagt von sich: „Ich bin das Licht der Welt“ (Johannes 8,12). Und es ist wohl kein Zufall, dass wir die Auferstehung Jesu am Ostermorgen feiern – bei Sonnenaufgang, wenn das erste Tageslicht erscheint – genau zu jener Stunde, als die Frauen das leere Grab Jesu fanden.

Im Dunkel der Welt und des Todes ist Gott selbst das Licht, das uns der Finsternis entreißt und Hoffnung auf das ewige Leben schenkt. Die Osterkerze in den Kirchen erinnert uns daran – und selbstverständlich auch die Lichter auf unseren Friedhöfen.

Auch Blumen und Pflanzen finden sich auf den meisten Gräbern. Blumen sind das Geschenk der Liebenden. Wenn wir sie auf ein Grab stellen, ist das ein Zeichen für unsere Liebe, die sogar den Tod überdauert. Wie oft höre ich bei Trauergesprächen, dass Hinterbliebene sagen: „Sie bzw. er lebt in meinem Herzen weiter.“ Blumen und Pflanzen können wir aber auch als Hinweis deuten auf einen Garten: Nach der Bibel beginnt die Geschichte Gottes mit dem Menschen im Paradies, im Garten Eden. Für die Bewohner des Orients, für die Wüste, Steppe und Wasserknappheit zum Alltag gehören, war dies schon immer ein Bild des Lebens.

Der Mensch hat allerdings - so sagt es die Bibel – schon gleich am Anfang durch eigene Schuld die Freundschaft mit Gott verspielt und das Paradies verloren. Doch die Sehnsucht nach dem Garten Eden ist geblieben. Jesus hat den Seinen das „Leben in Fülle“ versprochen. Nach unserem Glauben ist dieses neue Leben mit der Auferstehung Jesu angebrochen: in Jerusalem, beim leeren Grab, das inmitten eines Gartens gelegen war (Joh 19,41).

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich noch ein dritter Grabschmuck auf unseren Friedhöfen immer mehr ausgebreitet: die Engel – obwohl man manchmal nicht sicher sein kann, ob es sich wirklich um einen Engel, eine Putte oder eine gute Fee handelt. Aber diese kleinlichen Differenzierungen sind den meisten Leuten egal. Viel wichtiger ist, dass mit diesen Engelgestalten oft ein Wunsch für die Verstorbenen verbunden ist: „Sei behütet. Wo auch immer du auch jetzt bist, soll es dir gut gehen.“ Das ist wohl auch der Grund, warum das Bonhoeffer-Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ (Gotteslob Nr. 430) so gerne bei Beerdigungen gesungen wird.

Als Christ fühlt man sich durch die Engelfiguren wiederum an die Ostererzählungen im Neuen Testament erinnert: Dort wird von Engelsgestalten berichtet, die den Frauen am leeren Grab die Auferstehungsbotschaft verkünden. Ob wir nicht auch manchmal jemanden brauchen, der uns aus unserer Trauer hinausreißt und die Augen öffnet für die Botschaft, dass der Tod das Tor zum Leben ist?

Mein Tipp: Wenn Sie in den Novembertagen über den Friedhof gehen – lassen Sie einfach mal die Symbole auf sich wirken. Sie sprechen von den tiefsten Sehnsüchten und Hoffnungen der Menschen. Und nicht zuletzt sprechen sie auch von unserem christlichen Glauben.

Einen gesegneten November wünscht Ihnen

Ihr Pater Hans-Georg Radina C.M.

 


Liebe Christen

Liebe Christen im Pastoralverbund Lippstadt- Mitte

und Lippstadt- Nord

die Aufdeckung der Missbrauchsfälle innerhalb der

kath. Kirche erschüttern wohl alle Christen.

Das Thema hat so viele Facetten, wobei mich eine Frage

in diesen Tagen besonders beschäftigt:

Kann die Kirche in der heutigen Zeit noch Vertrauen zurückgewinnen? Und wenn ja, wie?

Die selbstverständliche Autorität der Kirche durch Amt und Weihe wird von immer mehr Menschen außerhalb aber auch innerhalb von Kirche hinterfragt. Wir leben auf der einen Seite in einer Gesellschaft mit demokratischen Strukturen und einem hohen Maß an Offenheit und Veränderbarkeit, während wir innerhalb von Kirche ein hierarchisches System erleben, was auf Bewahren setzt und tendenziell eher als starr und unbeweglich wahrgenommen wird.

In den Augen der Menschen zählt statt der Autorität eines Amtes heute die Autorität durch persönliche Glaubwürdigkeit. Kommt beides zusammen, stärkt es meiner Meinung nach das Ansehen der Kirche.

Verfehlungen wirken dagegen umso schwerwiegender, weil der moralische Anspruch der Kirche an seine Mitglieder besonders hoch ist.

Mich macht der Missbrauch in der Kirche, in Familien und an anderen Orten fassungslos. Mir macht es etwas aus, wenn Menschen jetzt wieder vermehrt aus der Kirche austreten. Sie tun es, weil einige Priester ihrem anvertrauten Auftrag, Menschen das Heil zu bringen, nicht gerecht geworden sind. Da hilft kein Herunterspielen, sondern nur ein sich der Wahrheit stellen, wie es unser Erzbischof in seinem Brief getan hat.

Lange hat es in unserer Gesellschaft gebraucht, bis Vergewaltigung als Missbrauch überhaupt benannt wurde. Das alles war vor Jahren schon genauso schlimm wie heute, aber unsere Gesellschaft bewertet es nun anders. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit dem Jahre 1997 strafbar. Jetzt müssen wir feststellen, dass nicht nur Mädchen und Frauen Missbrauch erfahren mussten, sondern auch Jungen. Die Dunkelziffer ist hoch, in jeder Schulklasse muss man mit 3 Opfern rechnen.

Das Ausmaß des aufgedeckten Missbrauchs innerhalb von Kirche ist beschämend. Erste Schritte des Umgangs damit sind flächendeckende Präventionsschulungen an denen Hauptamtliche und Ehrenamtliche verpflichtend teilnehmen. Sie sollen alle in der Pastoral tätigen Personen sensibilisieren. Darüber hinaus wird in jedem pastoralen Raum ein Schutzkonzept erarbeitet.

Ja, ich gehöre zu dieser Kirche und habe in den vergangenen Tagen die Wut, die Enttäuschung, die Hilflosigkeit vieler Christen zum Thema Missbrauch gehört.

Persönlich versuche ich seit 35 Berufsjahren achtsam und feinfühlig mit meinen Mitmenschen umzugehen. Und trotzdem kenne ich Verletzungen, Missachtungen und Gefühle des Gekränkt seins bei mir selber. Wenn die Gefühle abgeklungen sind, gibt es zwei Möglichkeiten des Umgangs. Ich beginne einen Versöhnungsweg oder ich setze auf Vergeltung.

Christsein ist immer ein Bemühen um den rechten Weg, ein Leben lang.

Und natürlich habe ich in den Jahren erkannt, dass jeder von uns auf das Verständnis und das Verzeihen des anderen angewiesen ist.

Gilt das auch bei Missbrauch, frage ich mich?

Schlimmes darf nicht totgeschwiegen oder vertuscht werden, aber ich sehe einen Unterschied darin, ob man Dinge ans Licht bringt oder Dinge ans Licht zerrt. Ich wünsche mir in diesen Tagen eine seriöse Berichterstattung, damit Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen kann.

Außer den Missbrauchsopfern gibt es die Missbrauchstäter, die häufig in ihrer Kindheit selbst Opfer waren. Mit diesem Hinweis will ich Schlimmes nicht gutheißen, es zeigt aber, dass Opfer wie Täter therapeutische Hilfe brauchen.

Nochmal zurück zur Ausgangsfrage:

Wie gewinnen wir als Kirche Vertrauen zurück?

Indem wir vorbildlich vormachen, wie man Konflikte und Schuld aufarbeitet.

Durch Zuhören, Offensein, An-sich Heranlassen und Angeboten von therapeutischen Hilfen für Opfer. Bei Tätern muss es eine Strafanzeige geben und gleichfalls therapeutische Hilfe.

Die Haltung Jesu kann uns dabei zur Richtschnur werden. Er richtet auf, heilt und schenkt Menschen einen Neuanfang. Was das konkret heißt, müssen wir mit jedem Täter und jedem Opfer herausfinden.

Ihre Irmgard Sandfort