Gedanken zur Zeit

Nicht Ende, sondern Begegnung

Es scheint so etwas wie unterhaltsame Katastrophen zu geben. Bei einem Unfall auf der A 44 habe ich gesehen, dass die Ordnungskräfte alle Hände voll damit zu tun hatten, die Schaulustigen in den Fahrzeugen auf der Gegenfahrbahn im Fluss zu halten, damit nicht Staus und weitere Unfälle geschehen. Es gibt wohl so eine überwältigende Neugier auf das, was aus der Ordnung gerät, und das beruhigende Gefühl, dass man selber nicht betroffen ist.

Am Ende des Kirchenjahres, kurz vor dem Christkönigsfest, klingt das im Markus-Evangelium (z.B. Mk 13, 24-33) allerdings anders. Da geschehen unglaubliche Dinge und alle sind betroffen. Es geht um das Schicksal der Menschheit, die vergänglich ist, die an ein Ende kommen wird.

Aber dann ist da die Frage: Wird alles im Nichts versinken? Kann das überhaupt sein bei einer Schöpfung, die Gott als ihren Schöpfer hat?

Wenn dieser Schrifttext unsere Phantasie anregt und wir versuchen, uns Vorstellungen zu machen, müssen wir einige Dinge bedenken: Die Rede über die Endzeit ist nicht ein Protokoll über das, was Jesus gesagt hat. In einer Erklärung zu dieser Stelle heißt es: Hier sind verschiedene Überlieferungen zusammengewachsen. Das kennen wir ja von Überlieferungen - sie setzen unterschiedliche Akzente, je nach dem, was unterschiedlichen Leuten wichtig ist und wie sie es aus der Erinnerung heraus schildern.

Und ein ganz wichtiger Hinweis, der für die ganze Heilige Schrift gilt, ist dieser:

Die Heilige Schrift ist Glaubensgeschichte. Sie gibt keine Nachhilfe in Physik oder Astronomie. Sie möchte uns schon gar nicht mit Chaos- und Katastrophengeschichten unterhalten.

Und dann hat der Text (Mk 13, 24-33) einen ganz bestimmten Sitz im Leben. Er hat eine Vorgeschichte. Jesus kommt nicht einmal von sich aus darauf, über die Endzeit zu reden. Er wird von den Jüngern gefragt. Sie sind fasziniert von dem Schönen, das sie sehen, vom herrlichen Tempel, vom Leben, von der Natur. Daran freut sich der Mensch und möchte es erhalten wissen.

Jesus hilft seinen Jüngern, über diesen irdischen Horizont hinauszuschauen. Überraschend ist, dass er ihnen eine entscheidende Antwort schuldig bleiben muss. Man wüsste doch zu gerne, wann das alles eintrifft. Aber Jesus sagt, dass er die Stunde auch nicht wisse. Die kennt nur der Vater.

Klingt ein bisschen komisch, wenn man daran denkt, dass Jesus doch auch gesagt hat, dass er allein den Vater wirklich kennt und alles vom Vater weiß (vgl. Joh 1,18).

Ich denke, er will uns keine Angst machen; vielmehr will er uns ermutigen auf Gott zu vertrauen. Die Antwort liegt nämlich allein bei IHM, und wir dürfen glauben, dass sie da in den besten Händen ist. Was uns sehr wohl beschäftigen soll, ist unsere Aufmerksamkeit für die Zeichen der Zeit. Aus ihnen lernen wir diese Grundüberzeugung: Wir leben in einer Welt, die vergänglich ist.

Aber es wird keinen Untergang geben, sondern eine Verwandlung, von der wir uns noch keine Vorstellung machen können (vgl. 1 Kor 15,42-50). Ich bin davon überzeugt: Gott hat seine Schöpfung in Millionen von Jahren nicht aus den Händen gleiten lassen und das wird er auch im 21. Jahrhundert nicht tun. Er wird sie vollenden. Und das Wichtigste in dieser Vollendung wird für jeden Menschen die Begegnung mit seinem Gott sein.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Zeit am Ende des Kirchenjahres.

Ihr Pastor Karl-Heinz Peter


Im November

Liebe Leserinnen und Leser unseres Pfarrbriefs!

Im November gehen die meisten Leute auf den Friedhof, selbst diejenigen, die man sonst das ganze Jahr über dort nicht sieht. Auch wenn Sie kein Grab zu pflegen haben oder keinen der Verstorbenen kennen:

Gehen Sie trotzdem hin! Es lohnt sich.

In keinem Monat sind die Gräber so reich geschmückt wie im November. Wer genau hinschaut, der spürt: Der Grabschmuck dient nicht allein der Dekoration. Er ist ein Zeichen der Verbundenheit mit den Toten. Dahinter stehen oft wortlose Wünsche, die Trauernde ihren lieben Verstorbenen mitgeben. Und nicht zuletzt kann die Grabgestaltung sogar ein stilles Glaubensbekenntnis sein.

Der Blick auf einen jüdischen Friedhof zeigt: Man kann Gräber auch ganz anders gestalten. Dort legen die Besucher als Zeichen der Totenehrung meistens kleine Steine auf den Grabstein. Für diese alte Tradition werden verschiedene Ursprünge vermutet. Verbreitet ist die Erklärung, dass in historischer Zeit die in der Wüste angelegten Gräber mit Steinen vor Wind und Futter suchenden Tieren gesichert wurden. Der niedergelegte Stein zeigt, dass man sich dem Verstorbenen über den Tod hinaus verbunden fühlt und ihm auch jetzt noch etwas Gutes tun möchte. Ein schöner und tiefer Gedanke!

Die meisten Friedhöfe in unseren Breiten sind christlich geprägt und bieten ein ganz anderes Bild. Es ist üblich, die Gräber mit Öl- oder Solarlichtern, Blumen, Pflanzen und Engelfiguren zu schmücken. Ist das alles nur Konvention – oder hat diese Art von Grabschmuck noch eine tiefere Bedeutung?

Auf fast jedem Grab brennt ein Licht.

An Allerheiligen und Allerseelen verwandeln sie unsere Friedhöfe sogar in ein ganzes Lichtermeer. Das Licht brennt weiter, auch wenn der Besucher schon längst wieder nach Hause gegangen ist. Quasi als Stellvertreter:

„Ich bleibe bei dir. Ich denke an dich!“

Wir Christen verbinden mit dem Licht noch eine weitere Symbolik. Oft beten wir bei Beerdigungen: „Das ewige Licht leuchte Ihnen.“ Mit diesem Licht ist letztlich Gott selbst gemeint: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ – heißt es zu Beginn des Psalms 27 (Gotteslob Nr. 38). Auch Jesus sagt von sich: „Ich bin das Licht der Welt“ (Johannes 8,12). Und es ist wohl kein Zufall, dass wir die Auferstehung Jesu am Ostermorgen feiern – bei Sonnenaufgang, wenn das erste Tageslicht erscheint – genau zu jener Stunde, als die Frauen das leere Grab Jesu fanden.

Im Dunkel der Welt und des Todes ist Gott selbst das Licht, das uns der Finsternis entreißt und Hoffnung auf das ewige Leben schenkt. Die Osterkerze in den Kirchen erinnert uns daran – und selbstverständlich auch die Lichter auf unseren Friedhöfen.

Auch Blumen und Pflanzen finden sich auf den meisten Gräbern. Blumen sind das Geschenk der Liebenden. Wenn wir sie auf ein Grab stellen, ist das ein Zeichen für unsere Liebe, die sogar den Tod überdauert. Wie oft höre ich bei Trauergesprächen, dass Hinterbliebene sagen: „Sie bzw. er lebt in meinem Herzen weiter.“ Blumen und Pflanzen können wir aber auch als Hinweis deuten auf einen Garten: Nach der Bibel beginnt die Geschichte Gottes mit dem Menschen im Paradies, im Garten Eden. Für die Bewohner des Orients, für die Wüste, Steppe und Wasserknappheit zum Alltag gehören, war dies schon immer ein Bild des Lebens.

Der Mensch hat allerdings - so sagt es die Bibel – schon gleich am Anfang durch eigene Schuld die Freundschaft mit Gott verspielt und das Paradies verloren. Doch die Sehnsucht nach dem Garten Eden ist geblieben. Jesus hat den Seinen das „Leben in Fülle“ versprochen. Nach unserem Glauben ist dieses neue Leben mit der Auferstehung Jesu angebrochen: in Jerusalem, beim leeren Grab, das inmitten eines Gartens gelegen war (Joh 19,41).

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich noch ein dritter Grabschmuck auf unseren Friedhöfen immer mehr ausgebreitet: die Engel – obwohl man manchmal nicht sicher sein kann, ob es sich wirklich um einen Engel, eine Putte oder eine gute Fee handelt. Aber diese kleinlichen Differenzierungen sind den meisten Leuten egal. Viel wichtiger ist, dass mit diesen Engelgestalten oft ein Wunsch für die Verstorbenen verbunden ist: „Sei behütet. Wo auch immer du auch jetzt bist, soll es dir gut gehen.“ Das ist wohl auch der Grund, warum das Bonhoeffer-Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ (Gotteslob Nr. 430) so gerne bei Beerdigungen gesungen wird.

Als Christ fühlt man sich durch die Engelfiguren wiederum an die Ostererzählungen im Neuen Testament erinnert: Dort wird von Engelsgestalten berichtet, die den Frauen am leeren Grab die Auferstehungsbotschaft verkünden. Ob wir nicht auch manchmal jemanden brauchen, der uns aus unserer Trauer hinausreißt und die Augen öffnet für die Botschaft, dass der Tod das Tor zum Leben ist?

Mein Tipp: Wenn Sie in den Novembertagen über den Friedhof gehen – lassen Sie einfach mal die Symbole auf sich wirken. Sie sprechen von den tiefsten Sehnsüchten und Hoffnungen der Menschen. Und nicht zuletzt sprechen sie auch von unserem christlichen Glauben.

Einen gesegneten November wünscht Ihnen

Ihr Pater Hans-Georg Radina C.M.

 


Liebe Christen

Liebe Christen im Pastoralverbund Lippstadt- Mitte

und Lippstadt- Nord

die Aufdeckung der Missbrauchsfälle innerhalb der

kath. Kirche erschüttern wohl alle Christen.

Das Thema hat so viele Facetten, wobei mich eine Frage

in diesen Tagen besonders beschäftigt:

Kann die Kirche in der heutigen Zeit noch Vertrauen zurückgewinnen? Und wenn ja, wie?

Die selbstverständliche Autorität der Kirche durch Amt und Weihe wird von immer mehr Menschen außerhalb aber auch innerhalb von Kirche hinterfragt. Wir leben auf der einen Seite in einer Gesellschaft mit demokratischen Strukturen und einem hohen Maß an Offenheit und Veränderbarkeit, während wir innerhalb von Kirche ein hierarchisches System erleben, was auf Bewahren setzt und tendenziell eher als starr und unbeweglich wahrgenommen wird.

In den Augen der Menschen zählt statt der Autorität eines Amtes heute die Autorität durch persönliche Glaubwürdigkeit. Kommt beides zusammen, stärkt es meiner Meinung nach das Ansehen der Kirche.

Verfehlungen wirken dagegen umso schwerwiegender, weil der moralische Anspruch der Kirche an seine Mitglieder besonders hoch ist.

Mich macht der Missbrauch in der Kirche, in Familien und an anderen Orten fassungslos. Mir macht es etwas aus, wenn Menschen jetzt wieder vermehrt aus der Kirche austreten. Sie tun es, weil einige Priester ihrem anvertrauten Auftrag, Menschen das Heil zu bringen, nicht gerecht geworden sind. Da hilft kein Herunterspielen, sondern nur ein sich der Wahrheit stellen, wie es unser Erzbischof in seinem Brief getan hat.

Lange hat es in unserer Gesellschaft gebraucht, bis Vergewaltigung als Missbrauch überhaupt benannt wurde. Das alles war vor Jahren schon genauso schlimm wie heute, aber unsere Gesellschaft bewertet es nun anders. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit dem Jahre 1997 strafbar. Jetzt müssen wir feststellen, dass nicht nur Mädchen und Frauen Missbrauch erfahren mussten, sondern auch Jungen. Die Dunkelziffer ist hoch, in jeder Schulklasse muss man mit 3 Opfern rechnen.

Das Ausmaß des aufgedeckten Missbrauchs innerhalb von Kirche ist beschämend. Erste Schritte des Umgangs damit sind flächendeckende Präventionsschulungen an denen Hauptamtliche und Ehrenamtliche verpflichtend teilnehmen. Sie sollen alle in der Pastoral tätigen Personen sensibilisieren. Darüber hinaus wird in jedem pastoralen Raum ein Schutzkonzept erarbeitet.

Ja, ich gehöre zu dieser Kirche und habe in den vergangenen Tagen die Wut, die Enttäuschung, die Hilflosigkeit vieler Christen zum Thema Missbrauch gehört.

Persönlich versuche ich seit 35 Berufsjahren achtsam und feinfühlig mit meinen Mitmenschen umzugehen. Und trotzdem kenne ich Verletzungen, Missachtungen und Gefühle des Gekränkt seins bei mir selber. Wenn die Gefühle abgeklungen sind, gibt es zwei Möglichkeiten des Umgangs. Ich beginne einen Versöhnungsweg oder ich setze auf Vergeltung.

Christsein ist immer ein Bemühen um den rechten Weg, ein Leben lang.

Und natürlich habe ich in den Jahren erkannt, dass jeder von uns auf das Verständnis und das Verzeihen des anderen angewiesen ist.

Gilt das auch bei Missbrauch, frage ich mich?

Schlimmes darf nicht totgeschwiegen oder vertuscht werden, aber ich sehe einen Unterschied darin, ob man Dinge ans Licht bringt oder Dinge ans Licht zerrt. Ich wünsche mir in diesen Tagen eine seriöse Berichterstattung, damit Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen kann.

Außer den Missbrauchsopfern gibt es die Missbrauchstäter, die häufig in ihrer Kindheit selbst Opfer waren. Mit diesem Hinweis will ich Schlimmes nicht gutheißen, es zeigt aber, dass Opfer wie Täter therapeutische Hilfe brauchen.

Nochmal zurück zur Ausgangsfrage:

Wie gewinnen wir als Kirche Vertrauen zurück?

Indem wir vorbildlich vormachen, wie man Konflikte und Schuld aufarbeitet.

Durch Zuhören, Offensein, An-sich Heranlassen und Angeboten von therapeutischen Hilfen für Opfer. Bei Tätern muss es eine Strafanzeige geben und gleichfalls therapeutische Hilfe.

Die Haltung Jesu kann uns dabei zur Richtschnur werden. Er richtet auf, heilt und schenkt Menschen einen Neuanfang. Was das konkret heißt, müssen wir mit jedem Täter und jedem Opfer herausfinden.

Ihre Irmgard Sandfort